11.05.2007
Grußbotschaften an
die letzten aufrechten Sozialdemokraten (1)
Wie die Zeit vergeht! Wie
lange ist es schon wieder her? Sind es Jahre, sind es schon Jahrzehnte? Vor
knapp zwei Jahren endete die Ära der Altlinken in Regierungsverantwortung, die
Geburt der Berliner Republik, eine Zeit, die Deutschland veränderte. Wer
behauptete, Wahlen würden zu nichts führen, konnte nur noch offenen Mundes
zusehen, wie die Wehrmacht, pardon: Bundeswehr unter der Parole „Nie wieder
Auschwitz“ ihre Bomben auf die Reste Jugoslawiens abwarf. Was die Regierung
Kohl nicht gewagt hätte, die SPD setzte es durch.
Unvergessen bleibt indessen ein Ereignis, das exemplarisch für den Politikstil
dieser Periode gesehen werden kann: der große Zapfenstreich zur Verabschiedung
Gerhard Schröders mit militärischen Ehren. Unvergessen auch die Tränen in des
scheidenden Kanzlers Augen, als die Armeekapelle Sinatras „I dit it my way“
spielte; sowie der ebenso bewegte Ausdruck im Gesicht des Lebemannes, als die
„Moritat von Mackie Messer“ erklang. Die Auswahl der Lieder hatte Schröders
Ehefrau Doris getroffen.
Die Sumpfpost sieht es als ihre vaterländische Pflicht an, zum ca.
eineinhalbjährigen Jubiläum dieses großen Ereignisses noch einmal ein
Ständchen zu überbringen und es dieser gelungenen Legislaturperiode der
Fusionierung von Antifaschismus und Angriffskrieg, Sozialdemokratie und
Zwangsarbeit, Mercedes und Dosenpfand zu widmen. Denn damals wie heute geht uns
beim Anblick der behelmten Truppe, die im Bendlerblock Werke von Brecht spielt,
nur eines durch den Kopf, nämlich die schöne Ballade des großen Satirikers
und Kommunisten:
Die Legende vom toten Soldaten
Für
Gerhard Schröder
Und als der Krieg im vierten Lenz
Keinen Ausblick auf Frieden bot
Da zog der Soldat seine Konsequenz
Und starb den Heldentod.
Der Krieg war aber noch nicht gar
Drum tat es dem Kaiser leid
Daß sein Soldat gestorben war:
Es schien ihm noch vor der Zeit.
Der Sommer zog über die Gräber her
Und der Soldat schlief schon
Da kam eines Nachts eine militär-
ische ärztliche Kommission.
Es zog die ärztliche Kommission
Zum Gottesacker hinaus
Und grub mit geweihtem Spaten den
Gefallnen Soldaten aus.
Der Doktor besah den Soldaten genau
Oder was von ihm noch da war
Und der Doktor fand, der Soldat war k. v.
Und er drückte sich vor der Gefahr.
Und sie nahmen sogleich den Soldaten mit
Die Nacht war blau und schön.
Man konnte, wenn man keinen Helm aufhatte
Die Sterne der Heimat sehn.
Sie schütteten ihm einen feurigen Schnaps
In den verwesten Leib
Und hängten zwei Schwestern in seinen Arm
Und ein halb entblößtes Weib.
Und weil der Soldat nach Verwesung stinkt
Drum hinkt ein Pfaffe voran
Der über ihn ein Weihrauchfaß schwingt
Daß er nicht stinken kann.
Voran die Musik mit Tschindrara
Spielt einen flotten Marsch.
Und der Soldat, so wie er's gelernt
Schmeißt seine Beine vom Arsch.
Und brüderlich den Arm um ihn
Zwei Sanitäter gehn
Sonst flög er noch in den Dreck ihnen hin
Und das darf nicht geschehn.
Sie malten auf sein Leichenhemd
Die Farben Schwarz-Weiß-Rot
Und trugen's vor ihm her; man sah
Vor Farben nicht mehr den Kot.
Ein Herr im Frack schritt auch voran
Mit einer gestärkten Brust
Der war sich als ein deutscher Mann
Seiner Pflicht genau bewußt.
So zogen sie mit Tschindrara
Hinab die dunkle Chaussee
Und der Soldat zog taumelnd mit
Wie im Sturm die Flocke Schnee.
Die Katzen und die Hunde schrein
Die Ratzen im Feld pfeifen wüst:
Sie wollen nicht französisch sein
Weil das eine Schande ist.
Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Waren alle Weiber da
Die Bäume verneigten sich, Vollmond schien
Und alles schrie hurra.
Mit Tschindrara und Wiedersehn!
Und Weib und Hund und Pfaff!
Und mitten drin der tote Soldat
Wie ein besoffner Aff'.
Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Kommt's, daß ihn keiner sah
Soviele waren herum um ihn
Mit Tschindra und Hurra.
So viele tanzten und johlten um ihn
Daß ihn keiner sah.
Man konnte ihn einzig von oben noch sehn
Und da sind nur Sterne da.
Die Sterne sind nicht immer da
Es kommt ein Morgenrot.
Doch der Soldat, so wie er's gelernt
Zieht in den Heldentod.
Bertolt Brecht
* * *
Frankfurter
Buchmesse, Rainald Goetz, eine wilde Partymeute, Guido Westerwelle: Wehmütig
folgen wir Jochen Reinecke noch einmal in die gute alte Zeit zurück, da
Jürgen „dabbelju“ Möllemann noch lebte
Lieber
Heinrich,
ich schreibe Dir unter Schmerzen, ich weiß dass Du noch sechshundert Euro von
mir bekommst, dass Deine Gabriele mit dem wunderbaren sauberen Typenrad-Druck
immer noch in meinem Keller steht, dass Lucretia Dich wahrscheinlich inzwischen
über unser kleines Verhältnis (es war wirklich ein kleines, wir waren beide
nicht in Form) aufgeklärt hat. All dies wäre Grund genug, einfach noch ein
wenig zu schweigen, auf das Vergessen zu setzen, auf das Grasdrüberwachsen.
Allein, ich muss Dir sagen, ich habe Lottmann gesehen, DEN Lottmann, den
großen, den in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu Recht als
Visionär Gefeierten, den gemeinsamen Sohn Krachts und Bret Easton Ellis’ (von
beiden weiß man ja inzwischen, dass sie schwul; der Rest ist Biotechnologie).
Ich habe ihn also gesehen, und das war so.
Gönner hatten mich zur Buchmesse im Frankfurter Hof einquartiert. Mit Verleger
U. und einer zu allem Entschlossenen - ich muss es leider so so sagen -
PARTY-Meute waren wir in die Bornheimer Apfelweinstube „Solzer“ eingekehrt
und man trug in Minutentakten sogenannte Bembel mit saurem Apfelwein auf die
Holztische. Dieser Most wurde in gerippte Gläser gegossen, mit etwas
Mineralwasser versetzt und somit zum „Sauer Gespritzten“ erhoben. Neben mir
saß Victualia, U.’s Nichte, ein vielleicht Zwanzigjähriges Ding, eurasisch,
kleine spitze, möchte fast sagen „kecke“ Dinger, erschreckend
unsymmetrisch, möchte fast sagen, ihre rechte Brust guckte ein wenig nach
links. Ich weiß nicht, ob ich mich da exakt ausdrücke, aber ich denke Du
weißt was ich meine. Gemein war das Shirt, was sie dazu trug, denn es war aus
einem ganz dünnen Synthetikstoff, einem Stoff, der wirklich porentief abbildet.
Es führte dazu, dass U’s Redeschwall immer nur zu 2-3 % wirklich bei mir im
Gehirn ankam. Und ich musste doch zuhören, ich musste doch mit ihm reden, er
sollte mein Buch drucken, meinen ersten großen Reiseroman!
Das „Solzer“ war randvoll, die rustikalen Tische und Bänke bogen sich, es
war eben Buchmesse. Ein paar Tische weiter saßen Julia Mantel und Rainald
Goetz, sie waren einander schon ziemlich nahe, ich konnte aus den Augenwinkeln
beobachten, wie sie bewundernd seine Stirnnarbe entlangfuhr; gerade als ich mein
Notizbüchlein zücken wollte, spürte ich Victuailas Hand plötzlich und
unerwartet auf meinem Oberschenkel.
Victualia war Praktikantin bei den Frankfurter Jungliberalen. Und sie war
verdammt feinfühlig. Schon zu Zeiten der Buchmesse hatte sie gespürt, dass
Jürgen W. Möllemann, das große Vermarktungstalent (man denke nur an die Chips
für die Einkaufswagen, weißt Du noch Heinrich, wie wir damals darauf
angestoßen haben? Mensch, Köln, 1991!!) unterwegs nach unten war. Sie hatte
ihn bei der letzten gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung mit Westerwelle gesehen.
Hatte gespürt, dass Möllemann fahrig, nervös, war. Westerwelles Blick
auswich. Sich sogar dann und wann an die Brust fasste (Ventrikuläre
Extrasystolen, Salven, Trigeminus). Victualia hatte mir das plastisch vorgemacht
und sich dabei selber immer wieder an die Brust gefasst, natürlich über diesem
schrecklichen knappen Shirt. Es war kaum zu ertragen, wann immer sie sich dort
hin fasste, nahm ich einen großen Schluck von diesem sauren Apfelwein, der mit
jedem Glas etwas besser schmeckte. Entschuldige, lieber Heinrich, dass ich so
unstrukturiert schreibe, aber ich bin aufgewühlt, mehr als je zuvor, es kommt
gerade alles zusammen. Also. Victualias Hand auf meinem Oberschenkel. Es war
eine kleine zarte Hand auf meinem Oberschenkel, aber sie wirkte wie eine Faust
in der Magengrube. Victualia war betrunken. Das mit der FDP machte ihr wirklich
zu schaffen, sie sah ungesund aus. Sie rauchte eine Gauloise Rouge (widerlich!
Ein Paradoxon!) nach der anderen, bis herunter auf den Filter, trank Apfelwein,
lachte zu laut, wischte sich wenig später eine Träne aus dem Auge, und jetzt
plötzlich, saß sie mit mir auf dieser langen Holzbank und brauchte Nähe. Doch
nur kurz, denn Verleger U musste niesen, mit einer eckigen Handbewegung riß er
einen Neunerbembel Apfelwein um. Die saure Tunke ergoss sich über den Tisch,
floss genau zwischen Viktualia und mich, wir rückten schnell auseinander. Am
Nebentisch wurde gelacht: „SCHWIBBELE SCHWABBELE!“ tönte es aus einem
Pfannkuchengesicht mit Hornbrille, einen Moment lang dachte ich es sei Thomas
Kapielski, aber ich kenne ihn nur von Fotos, daher war ich mir nicht sicher.
Heinrich, Du weißt, trotz meiner durchaus stattlichen Figur bin ich sehr flink.
Denk nur an unsere Tischtennis-Abende. Das Rundlauf-Spiel mit Christiane,
Stefanie, Silke, oben bei Euch auf dem Dachboden 1974, ich muss noch heute daran
denken, wie wir diesen drei knospenden Damen bei ihrem fröhlichen Lauf
verschmitzt hinterherblinzelten. Auch heute noch bin ich durchaus ein Wiesel. Es
war mir also (zurück ins Solzer. Struktur!!) nur eine kleine Mühe,
blitzschnell auf der Bank nach rechts zu rücken, dem Apfelwein auszuweichen.
Victualia hingegen hatte es erwischt. Sie trug eine von diesen Stretchhosen, die
die jungen Frauen heute alle tragen, diese Hosen, die H&M irgendwo sieht,
nachproduziert und drei Tage später in die Läden bringt, für 19 Euro. Die
Hosen halten zwei Wochen, dann gehen die Reißverschlüsse kaputt, ich weiß
das. Schon oft habe ich an diesen Verschlüssen genestelt und kapituliert,
manchmal, vielleicht sogar oft war es besser so. Jedenfalls, Victualia hatte nun
einen großen erstaunlich kreisrunden Fleck auf Ihrem Schoß. Heinrich! Ahnst
Du, was für ein Kampf in mir tobte? Sollte ich den Ritter machen? Ihr meine
Hose anbieten? Nein! Sollte ich ihr mit Papierservietten im Schoß herumrubbeln?
Nein. Sollte ich gar nicht reagieren? Nein! Heinrich, selten war mir so nach
Deinem Ratschlag, wie an jenem Abend, aber ich weiß ja, Du sitzt in Bangkok und
trinkst Heineken Tallboy. Aber jetzt kommt der Hammer, das Ding, der Hit, wie
immer Du es nennen magst: Victualia sagte nur „Huhuuu, jetzt bin ich aber
wirklich feucht“ (Du erinnerst Dich, Sie war schon betrunken), schlug auf den
Tisch und rief „Ober, einen neuen Neuner-Bembel, aber ZACKZACK!“ Verleger U.
war peinlich berührt, er war gerade dabei mir etwas über das
Frühjahrsprogramm zu erzählen. Da sei so ein Sack, der habe ihm doch
tatsächlich den neuen Herrndorf weggenommen, da schlummere ein unfassliches
Talent; einen Moment lang überlegte ich, ob ich wohl nur deswegen überhaupt an
jenem Tisch sitzen dürfe, aber das war sicherlich in die falsche Richtung
gedacht. Victualia stieß mich an, lallend: „Hey, komm mit, wir machen jetzt
mal die Hose sauber, ja? Ich geh auf Klo, Du kommst in zwei Minuten nach“. Sie
stand auf und ging, die Hose saß immer noch sliptight, das war kaum zu
ertragen, sie passte in diese verquarzte verräucherte Apfelwein und
Handkäs-gierende Gemütlichkeitsmeute nicht hinein, sie war ein Stern, ein
strahlendes Juwel.
Und dann schaue ich auf die Uhr, ja, die zwei Minuten sind um. Mache mich also
auf, verlasse die Schankwirtschaft. Das Lästige im Solzer ist ja, dass man aus
dem Lokal rausmuss, quer durch den Biergarten latscht, um in diesen verdammt
kalten Toilettenanbau zu gehen. Ich sehe die ganze Tragik der FDP vor mir. Der
junge heiße Westerwelle mit seinem Studentenverbindungsschmiss, muss
unweigerlich an Rainald Goetz denken, dessen Stirnmal ja auch nichts anderes
ist, im Grunde genommen, muss an Möllemann denken, diesen Mann, der mit seinen
Fallschirmabsprüngen so strampelt, wie ein Säugling, muss an all die
Energieverschwendung denken, daran, dass sein Kopfkissen nachts schweißnass
ist, dass es ungut riecht, dass er bestimmt Altmännerkram wie Speick
Rasiercreme und Alpecin forte benutzt. Muss gleichzeitig an die Praktikantin
denken, die so effizient ist. Ich meine, wie großartig ist das denn, eine Frau,
die sich einfach so Apfelwein in den Schoß gießen lässt. Die ganzsicher unter
ihren groben Prada-Clones und dieser grauen Strickstrumpfhose feinst geäderte
Beine hat, vor einigen Tagen epiliert, die jetzt in diesem kalten
Toilettenkabuff wartet, auf mich, darauf, dass ich was tue. Was tue! Was soll
ich denn tun? Ihr Onkel sitzt da und hat gerade „Leiterchen“ gegessen,
blassblaues Fleisch, so zart, dass es von selber vom Knochen abfällt,
aufgeschwemmt ist er, Hypertonie, wahrscheinlich nimmt er jeden morgen eine
halbe Betapressin und ein Antra, wegen seinem sauren Magen. Ich weiß, dass man
eigentlich schreibt „wegen seines sauren Magens“, aber „wegen seinem“
ist direkter, intravenöser, subkutaner.
Das alles pfeift mir durch meinen Kopf, während ich zunächst mal das Herrenklo
betrete, um mir die Hände zu waschen. Ich gehe also zur Tür rein, möchte auch
bei der Gelegenheit nochmal prüfend in den Spiegel schauen, aber da steht ER.
Joachim Lottmann, ich erkenne ihn sofort. Als Verehrer seiner Prosa habe ich ihn
ein ums andere Mal gegoogelt. Er sieht ein bisschen aus wie Max Goldt, nur nicht
so schlesisch. Gewandet in einen umwerfenden weißen Cordanzug, das muss man
sich vorstellen. Neben ihm Mathias Matussek. Lottmann und Matussek schütten
sich aus vor Lachen, sie müssen einander einen Irrsinnswitz erzählt haben,
oder sie sind auf Drogen, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass Lottmann
Drogen überhaupt BRAUCHT, ich bin so baff, dass ich gar nichts sagen kann, ich
habe auch ein bisschen Angst, das Lottmann mich erkennt, denn immerhin habe ich
seiner Nichte (immer diese negierenden Worte!!!) mal ein
Ziegenkäse-Lavendel-Parfait vom Teller gefuttert, damals im Prassnik, als
Lottmann die ColaLight-Flasche umgefallen ist und die Cola in seinen
Leinenbeutel gluckerte und sein Notizbuch unbrauchbar gemacht hat. Schnell
stolpere ich wieder heraus, bleibe atemlos vor der Toilettenkabufftür stehen,
höre zu, wie die beiden sich weiter und weiter ausschütten vor Lachen. Ich
höre Matussek prusten: „Sie hatte wirklich ausgerechnet APFELWEIN auf der
Hose?“. Lottmann gickelt, tja, ich muss es wirklich „homosexuell“ nennen.
„Jaaa“, stößt er prustend hervor, und ergänzt: „Wobei ja, PFLAUMENWEIN
viel besser passen würde“. Neuerlicher Lachschwall zweier Wortjournalisten.
Matussek, atemlos: „Und was hast Du dann gemacht?“ – Lottmann: „Ich hab
, gsihihihihihihi!; ich hab (wiehert) ihr gesagt, das muss sie selber wegmachen,
ich trinke Apfelwein nur (wiehert laut, verzweifelt) pur, nie aber (hustet vor
lachen) SAUER GESPRITZT!“! Mattusek und Lottmann brüllen jetzt vor Lachen,
man hört es bis zu den Mülltonnen, ich schaue durchs Schlüsselloch in den
Toilettenvorraum, beide halten sich unter abnormen Verrenkungen am Waschbecken
fest. Lottmann schnappt sich das letzte Papiertaschentuch aus dem Spender und
wischt sich Lachtränen aus den Augen. Das reicht mir, ich gehe nun, Mann, der
ich bin, auf die Frauentoilette. Auf dem Boden sitzt, komplett derangiert,
Victualia. Sie hat die Stretchhose ausgezogen (gut! So musste ich mich nicht mit
dem Reißverschluss abmühen!), sitzt unter dem Händetrockner und hält über
ihren Kopf die Stretchhose um sie trockenzuföhnen. Die Strickstrumpfhose ist
über den brüllend heißen Heizkörper drapiert, der verzweifelt gegen die
Novemberkälte anbollert. Gerade als ich etwas sagen will, gibt es nebenan einen
lauten Schrei und einen dumpfen Aufschlag. Ich muss nicht hinrennen um zu sehen,
dass Lottmann umgefallen ist. Oh Gott!
Mein lieber Heinrich, mein kleiner weicher Spatz, Du, der Du mich so vieles
lehrtest. Nun sage, ist das nicht alles kompletter Irrsinn? Da kauert dieses
verletzte kleine Reh auf dem schmutzigen Fußboden, schaut mich aus nassen Augen
an und föhnt eine Stretchhose.
Ich meine, kann ich nicht einfach mal eine Frau kennenlernen, mich mit ihr
interessant und angeregt unterhalten, sie nachts um zwei galant nach Hause
bringen, brav mit dem Taxi nach Hause fahren, um dann endlich beim zweiten oder
dritten Date aus Worten Taten zu machen, ihre Wohnung zu entweihen, glühende
Leidenschaft zu spüren? Nein, ich lande immer bei den schüchternen und doch so
energetischen Rehen, die unbezahlt für Parteien, wenn auch so illustre Parteien
wie die FDP, Flugblätter hektographieren, die im Apfelwein- oder anderen –rausch
schreiend Neunerbembel bestellen, sich von Journalisten dumm ansprechen lassen,
um dann vollkommen zusammengeschrumpft auf Toilettenfußböden vor sich
hinzudämmern! Warum? Was mache ich falsch, Heinrich? HEINRICH!!! Steh mir bei!
Die Tür geht auf. Der Verleger. Starrt auf seine Nichte. Dann auf mich. Er muss
nichts sagen. Kombiniert. Kombiniert so falsch. Ich bin zu schwach für Protest,
ich kann gar nichts mehr sagen. Draußen höre ich, wie ein Lazarettwagen sich
durch die Innenstadt bohrt, um Lottmann abzuholen. „Der Lazarettwagenfahrer
drückt so aufs Gas, dass der Gaspinn unten im Asphalt steckt“ (Helge
Schneider).
Heinrich. Sie werden mein Buch nicht drucken. Sie werden mir jetzt viele Fragen
stellen. Ich werde von jetzt an verändert sein, denn ich sah Lottmann.
„Hier aus dem Dunkeln schauen zwei Augen
Und ihr Blick ist finster und schön
Ich merke es genau doch kann es kaum glauben
Wir werden verwundet durch das was wir sehen