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SUMPFPOST
EDITORIAL Liebe
Leser!
TEXTAUSWAHL
Seit Mai 2005 ist es soweit: Die alte,
unbeliebte, grün- und beigefarbene Kleiderkombination der Polizei wird in
Hamburg durch neue, beliebte, blaue ersetzt. Bremen, Niedersachsen, Schleswig
Holstein und der BGS ziehen nach, während Bayern und Baden-Württemberg an der
jetzigen Kleidung festhalten wollen. Das
Abrücken von der bundesweiten Einheitlichkeit der Uniformen wird mehrheitlich
begrüßt, aber auch vielerorts kritisiert. Aber während die einen noch
diskutieren, machen sich die anderen die Liberalisierung schon zunutze und
handeln. So werden in Mecklenburg-Vorpommern demnächst rote Uniformen eingeführt.
Aus touristischen Gründen: Das Ziel, einen rot gekleideten Polizeibeamten zu
sehen und zu fotografieren, sei für Touristen verlockend, die dann Geld in die
strukturschwache Region brächten, heißt es aus Regierungskreisen. Doch auch
sicherheitspolitische Erwägungen spielen in MV eine Rolle, das durch Gewalt
Rechtsradikaler gegen Touristen bekannt wurde: "Da unser Land sehr flach
ist, kann man die Beamten dann schon aus einer kilometerweiten Entfernung als
solche ausmachen und fühlt sich so sicherer.", weiß Gottfried Timm, der
Innenminister des Landes. Finanzieren will man das Projekt durch den
massenhaften Verkauf von Postkarten, auf denen Polizisten in rot vor wichtigen
Sehenswürdigkeiten Mecklenburg-Vorpommerns posieren.
In
Sachsen ist man schon weiter. Eine Koalition über Parteigrenzen hinweg hat sich
für die Einführung brauner Uniformen ausgesprochen. "Die sind ohnehin
bald überall in Deutschland wieder braun, und wir
fangen jetzt schon mit der Umstellung an", sagt Holger Apfel (NPD),
der damit eines der ersten Projekte seiner Partei seit ihrem umstrittenen Einzug
in den Landtag durchsetzen konnte. Auch in Sachsen bleibt der Steuerzahler
verschont: "Unsere Uniformen haben wir doch alle noch von früher",
bringt es ein Beamter aus Pirna auf den Punkt. Er ist von der Idee überzeugt,
freut sich, daß er "das noch erleben darf". Die
bizarrste Idee kommt indes aus Sachsen-Anhalt. Das wirtschaftlich schwächste
Land will die Uniformen einfach ganz abschaffen. Durch nackte Polizisten hätte
man überhaupt keine Kosten, durch erfrorene Beamte würden immer wieder
Arbeitsplätze frei. Zudem könne man so im ökonomischen Abstiegskampf der
Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und den signalfarbenen Uniformen den Rang
ablaufen. Ob
sich Ronald Schill das damals so vorgestellt hat, als er einen blauen Stein ins
Rollen brachte, darf bezweifelt werden. Gedanken
am Mittwoch Als
ich an der Bushaltestelle vorbeilief, kam mir ein kleines Mädchen
entgegen und sagte: „Entschuldigen
Sie! Möchten
Sie vielleicht einen Friseurgutschein haben?“ Von
TUBE Rosen,
Folter, Schreibazubis Ein Streifzug durch die kleinste deutsche Großstadt
Ein
anderer Bekannter gab mir, wohl, um mich zu ermutigen, noch zwei Dinge mit auf
den Weg: Hildesheim hätte "das älteste Fachwerkhaus und den leckersten
Fallafel Deutschlands". Wie ich später erfuhr, handelt es sich bei dem
Fachwerkhaus nicht um das älteste, sondern um das angeblich schönste. Leider
bin ich kein Freund dieses Baustils; und in bis heute derartig erhaltenen Gassen
empfinde ich eher Beklemmung, als Mitgefühl für die liebevolle Pflege von
Baudenkmälern düsterer Zeitalter. Was den Fallafel betrifft, so weiß ich
heute, daß dieser zwar ganz gut schmeckt, ich aber durchaus auch anderswo schon
Fallafel dieser Qualität gegessen habe. "Hildesheim",
sage ich dann, und verzichte bewußt auf den Lobgesang über Nachtleben,
kulturelle Höhepunkte oder das bunte Szeneviertel, obwohl man unter gewissen
Voraussetzungen manches aus dieser Aufzählung in die Stadt hineininterpretieren
könnte, doch dazu später. Ich spreche von der landschaftlichen Umgebung und
dem hohen Maß an Zeit, das man für Dinge hat, zu denen man anderswo möglicherweise
nicht kommen würde. Mit anderen Worten, von einem gemütlichen Leben zwischen Büchern,
Manuskripten und zuverlässig gelieferten Zeitungsschlagzeilen, wie: "Neue
Sottrumer Wehrpumpe sieht wie ein Staubsauger aus", "Treffen nach 30
Jahren: Mehrkampf-Asse der Aschebahn frischten ihre Erinnerung auf" oder:
"Leergut-Diebstahlserie aufgeklärt". Als
in
meinem Zimmer schon die Möbel standen, belächelte ich noch einmal die Stadt,
aus der sie kamen, während dort die Träume von Olympia 2012 jämmerlich
platzten. Doch nicht nur dieses Ereignis ging durch die Presse, auch Hildesheim
sollte in jenen Tagen bundesweite mediale Anerkennung erhalten. In einer
Berufsschule war ein Jugendlicher von Mitschülern über mehrere Monate grausam
mißhandelt worden, die Peiniger hatten ihre eigenen Taten
mitgeschnitten und die Videos im Internet zum Verkauf angeboten. Die
Einwohner von Eschede, zwischen Celle und Uelzen gelegen und berühmt für das
große ICE-Unglück, werden, wenn es denn einmal geschieht, vermutlich so
befragt: "Aus Eschede kommen sie! Wo waren Sie, als es passierte? Was haben
sie gesehen oder gehört?" Das Schlimmste, was einem passieren kann, wenn
man schon dort wohnt, ist es wahrscheinlich, hinterher immer wieder gestehen zu
müssen, daß man leider alles verpaßt habe, weil man sich zum Zeitpunkt gerade
auf einer Reise befand. Will man sich nicht selbst ins Abseits befördern, muß
man sich mit einer in diesem Fall legitimen Notlüge behelfen. Das verschafft
sogar den Vorteil, sich durch die
eigene Unbefangenheit ein Szenario zurechtlegen zu können, das die Geschichten
der anderen im Grad seines Schreckens noch übertrifft. Betrübt
hat mich deshalb die Meldung, daß dieser mir doch schon ans Herz gewachsene
Hildesheimer Bahnhof vollständig neu gestaltet werden soll. Nach dem Umbau wird
er ein Einkaufszentrum beherbergen und wahrscheinlich alles andere auch, was man
von derartig umgestalteten Bahnhöfen kennt; eine Bibliothek zumindest
sicherlich nicht mehr. Aber meine Bedenken gelten weniger dem Ergebnis; eher
gruselt mich die Vorstellung, in den nächsten Jahren, speziell in der kalten
Jahreszeit, mit gefrierenden Händen einen Becher Kaffee umklammernd, auf dem
Bahnhofsvorplatz neben einem Preßlufthammer zu stehen, während einem der Wind
die Zigarettenasche ins Auge weht. "Erfrischend"
auf eine ganz andere Art, wird in einer städtischen Broschüre Hildesheim als
die "junge Großstadt mit alter Geschichte" beworben- eine kühnes
Versprechen, das, von dem Begriff "Großstadt" einmal
abgesehen, am Hindenburgplatz eingehalten zu werden scheint. Der Platz und seine
Umgebung, atmosphärisch von einer Postfiliale und stetig neueröffnenden und
wieder schließenden gastronomischen
Einrichtungen geprägt, ist vorwiegend von jungen Leuten bevölkert, die am
Brunnen herumsitzen, Skateboard fahren oder Bier trinken, scheinbar aber keinen
Anstoß an der Geschichte seines Namens nehmen. Dabei hatte Hindenburg immerhin,
im Januar 1933, einen gewissen Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, mit den
bekannten Folgen. Allemal tröstlich war es, als es in der Gegend zu einer
neuerlichen Bistroeröffnung kam, und im Zuge dessen die historische
Ahnungslosigkeit- denn eine politische Absicht möchte ich hier nicht
unterstellen- ihren optischen Höhepunkt erreichte: Über dem Laden war ein
orangefarbenes Schild angebracht worden, auf dem man den markanten Namen
"Hindenburg-Grill" lesen konnte. Wer
es noch etwas trashiger liebt, der sollte sich einen Abend im "Tanzhaus
Alpenmax" nicht entgehen lassen. Die Musikpalette reicht vom aktuellen
Hitparadenzeug über Pur-Endlosschleifen und Wolfgang Petri bis hin zum
aktuellen Hitparadenzeug- aber darauf kommt es ohnehin nicht so sehr an. Die Gästezahlen
richten sich eher nach den Getränkepreisen. Mittwochs, zur sogenannten
"Dagobert-Party" werden die Flüssigkeiten zu Dumping-Preisen verhökert,
entsprechend zahlreich kommen die Gäste, um das Angebot exzessiv zu nutzen.
Einladend sind nicht nur die Toiletten, deren Boden und Wände von den Gästen
mit einer Mischung aus Blut und Erbrochenem dekoriert werden, auch das Klientel
selbst ist sympatisch: Frischgebackene Abiturienten stoßen mit den örtlich
stationierten Bundeswehrsoldaten an, Bodyguards mit ihren Secutritykollegen. Am
Ende gibt es dann eine Schlägerei zwischen den Abiturienten und
Bundeswehrsoldaten ohne Abitur, während die Security einfach draufhaut, bis der
erste Streifenwagen kommt. Ob das "Alpenmax" den Abzug der Bundeswehr
im Jahr 2007 geschäftlich überleben wird, ist fraglich. Hat
man sich einmal von dieser innerstädtischen Räumlichkeit unabhängig gemacht,
wird man ihre Vorzüge genießen können, die von der Einrichtung (auch hier der
funktionale Stil, wenngleich doch so manches nicht funktioniert), über die
Raumtemperatur (vor allem im Winter interessant), bis eben zur sozialen
Komponente reichen. Mag sein, daß der eine oder die andere noch in vielen
Jahren wehmütig des Momentes gedenken werden, da man einer wildfremden Person
das erste Mal erschrocken in die Augen sah, weil gerade der ohrenbetäubende Lärm
einer Wäscheschleuder losbrach. Ist
man auf den Waschsalon angewiesen, können einem diese Freuden schnell verleidet
werden. Als ich noch dort wusch, hatte ich einmal die Maschine mit Stoffwindeln,
nebst übelriechendem Inhalt, vollgestopft, nicht ohne mich vorher vergewissert
zu haben, daß sich keines der so vertrauten "Defekt"-Zettelchen auf
ihrer Tür befand. Wie ich erst bemerkte, als ich den Waschvorgang starten
wollte, war leider ebensowenig eine Tür vorhanden- was wiederum das Fehlen des
Zettels erklärte. Ich mußte also, um mich heute milder auszudrücken, als ich
damals empfand, "alles noch einmal umschichten". Kurzum, der Ort ist besuchenswert, und da er nicht weit vom Bahnhof entfernt ist, auch für Auswärtige attraktiv, die nur mal schnell in den Waschsalon wollen, ohne sich dabei noch lästige "Stadt" zu Gemüte führen zu müssen: Einfach die Bahnhofstraße immer geradeaus, über die Ampelkreuzung, dann nur noch 50 Meter und auf der rechten Straßenseite sieht man ihn schon. Danach schnell den selben Weg zurück, durch die Bahnhofshalle, Treppe hoch, in den Zug, Zigarette an, fertig. Gregor Mothes
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