SUMPFPOST       

SUMPFPOST

NR.1 ERSCHIENEN AM 23.11.2005

 

EDITORIAL

Liebe Leser!

  Acht Jahre Erziehungsurlaub haben das Erscheinen der SUMPFPOST stark beeinträchtigt, meist sogar ganz verhindert. Häufig wurde beklagt, daß Frauen sich heutzutage für eines entscheiden müßten: Kind oder Karriere. Arbeitgeber würden Frauen mit Kind nicht wieder einstellen, und wenn doch, erschweren sie den jungen Müttern ihren Wiedereinstieg. Aber, liebe Leser: Umgekehrt ist es doch ganz genauso! Damit will ich nicht sagen, daß die Frauen es ihren Arbeitgebern ebenso schwer machen. Vielmehr folgendes: Wäre ich nicht selbst unkündbar, weil Chefredakteur dieser Zeitschrift, nie und nimmer hätte die Redaktion mich wieder aufgenommen. An das Erscheinen einer SUMPFPOST mit Inhalten, die man wenigstens ansatzweise als lesbar bezeichnen könnte, wäre nicht zu denken gewesen. Oder präziser: An das Erscheinen einer SUMPFPOST überhaupt wäre nicht zu denken gewesen. Auch Männer haben ihre Rechte und sollten sich keinesfalls linken lassen. Ich jedenfalls habe mich für beides entschieden: Kind und Karriere. Und ich spüre schon jetzt, wer am meisten unter dieser Entscheidung zu leiden hat, nämlich ich selbst. Mit anhören zu müssen, wie sich der Nachwuchs abends in den Schlaf weint, weil das Geld für ein vernünftiges Abendbrot in den Druck investiert wurde, ist wirklich nicht schön.

  Der Herausgeber

 

TEXTAUSWAHL



Uniformen: Neue Farben für den Osten

Seit Mai 2005 ist es soweit: Die alte, unbeliebte, grün- und beigefarbene Kleiderkombination der Polizei wird in Hamburg durch neue, beliebte, blaue ersetzt. Bremen, Niedersachsen, Schleswig Holstein und der BGS ziehen nach, während Bayern und Baden-Württemberg an der jetzigen Kleidung festhalten wollen.

Das Abrücken von der bundesweiten Einheitlichkeit der Uniformen wird mehrheitlich begrüßt, aber auch vielerorts kritisiert. Aber während die einen noch diskutieren, machen sich die anderen die Liberalisierung schon zunutze und handeln. So werden in Mecklenburg-Vorpommern demnächst rote Uniformen eingeführt. Aus touristischen Gründen: Das Ziel, einen rot gekleideten Polizeibeamten zu sehen und zu fotografieren, sei für Touristen verlockend, die dann Geld in die strukturschwache Region brächten, heißt es aus Regierungskreisen. Doch auch sicherheitspolitische Erwägungen spielen in MV eine Rolle, das durch Gewalt Rechtsradikaler gegen Touristen bekannt wurde: "Da unser Land sehr flach ist, kann man die Beamten dann schon aus einer kilometerweiten Entfernung als solche ausmachen und fühlt sich so sicherer.", weiß Gottfried Timm, der Innenminister des Landes. Finanzieren will man das Projekt durch den massenhaften Verkauf von Postkarten, auf denen Polizisten in rot vor wichtigen Sehenswürdigkeiten Mecklenburg-Vorpommerns posieren.  

In Sachsen ist man schon weiter. Eine Koalition über Parteigrenzen hinweg hat sich für die Einführung brauner Uniformen ausgesprochen. "Die sind ohnehin bald überall in Deutschland wieder braun, und wir  fangen jetzt schon mit der Umstellung an", sagt Holger Apfel (NPD), der damit eines der ersten Projekte seiner Partei seit ihrem umstrittenen Einzug in den Landtag durchsetzen konnte. Auch in Sachsen bleibt der Steuerzahler verschont: "Unsere Uniformen haben wir doch alle noch von früher", bringt es ein Beamter aus Pirna auf den Punkt. Er ist von der Idee überzeugt, freut sich, daß er "das noch erleben darf".

Die bizarrste Idee kommt indes aus Sachsen-Anhalt. Das wirtschaftlich schwächste Land will die Uniformen einfach ganz abschaffen. Durch nackte Polizisten hätte man überhaupt keine Kosten, durch erfrorene Beamte würden immer wieder Arbeitsplätze frei. Zudem könne man so im ökonomischen Abstiegskampf der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und den signalfarbenen Uniformen den Rang ablaufen.

Ob sich Ronald Schill das damals so vorgestellt hat, als er einen blauen Stein ins Rollen brachte, darf bezweifelt werden.

Otto Schielie

 

Gedanken am Mittwoch

Als ich an der Bushaltestelle vorbeilief, kam mir ein kleines Mädchen entgegen und sagte: Entschuldigen Sie! Möchten Sie vielleicht einen Friseurgutschein haben? Sie hielt mir einen Friseurgutschein entgegen, ein  bunt bedrucktes Pappkärtchen. Ich überlegte: Ein Friseurgutschein. Tja. Was würde ich mit einem Friseurgutschein machen? Zum Friseur gehen? Komme ich mit dem Friseurgutschein zum Friseur und sage: Hier schauen Sie mal, dies ist ein Friseurgutschein. Jetzt schneiden Sie mir mal bitteschön umsonst die Haare.
Aber Sie haben doch gar keine Haare, die ich schneiden könnte, sagt die Friseuse.
Na, wenn Sie wüßten, sage ich, Wenn Sie wüßten, von wem ich diesen Gutschein habe, dann würden Sie aber nicht so mit mir reden.
Soso! Von wem haben Sie denn den Gutschein? fragt die Friseuse.
Von einem Mädchen an der Bushaltestelle.
Na, wenn Sie das gleich gesagt hätten, hätte ich gleich gesagt: Da hat Sie das Mädchen aber ganz schön verarscht.
So würde es wohl sicherlich passieren, käme ich mit einem Friseurgutschein für umsonst Haare schneiden zum Friseur, und das Mädchen an der Bushaltestelle wollte mich verarschen. Oder auch nicht. Vielleicht dachte sie, sie bietet mir den Friseurgutschein an, damit ich ihn an jemand anderen verschenkte. Ich könnte den Gutschein einer Freundin schenken oder einer Arbeitskollegin, vielleicht der, die morgen in Schwangerschaftsurlaub geht, so als Abschiedsgeschenk sozusagen. Hier, tu dir mal was Gutes in der Schwangerschaft, da bitte, ein Friseurgutschein.
Möglicherweise wirkt das unhöflich. Genauso unhöflich, als wenn ich sie fragte, wer denn eigentlich der Vater von dem Kind sei, das sie da austrägt. Niemand hat es bisher gewagt, diese Frage zu stellen. Denn bei allen inneren Werten, die die Frau hat, scheint eine natürliche Befruchtung für jedermann undenkbar. Sie hat zwar einen Freund, aber der heißt Christine und ist eine Frau und fällt allein deshalb schon flach. Das Tor zu Spekulationen ist hier weit geöffnet.
Das Mädchen an der Bushaltestelle sagte: Und?
„Äh was und?
Wollen Sie nun den Friseurgutschein haben?
Ein buntes Pappkärtchen, ein Friseurgutschein. Was sollte ich damit? Und wo hatte das Mädchen den Friseurgutschein überhaupt her? Niemand gibt doch freiwillig einen Friseurgutschein heraus. Es sei denn er ist vergiftet.
Mein Blick fiel auf eine Laterne, an der jemand ein Rad angeschlossen hatte kein Fahrrad, sondern nur ein Rad. Ein Vorderrad vom Fahrrad. Das hatte jemand dort an einer Laterne angeschlossen. Schön mit einem dicken Schloß das Rad an einer Laterne befestigt. Als ob er Angst hätte, daß ihm jemand dieses Rad klauen wollte. Das sieht man öfters, daß welche einfach nur ein Fahrradvorderrad irgendwo anschließen.
Wollen Sie ihn nun haben oder nicht?, unterbrach mich das Mädchen in meinen Gedanken.
„Ähm nein. Sehe ich so aus?
Nö“, sagte Mädchen und lief hüpfend davon.

Von TUBE

 

 

Rosen, Folter, Schreibazubis

Ein Streifzug durch die kleinste deutsche Großstadt


"Die Jenny Erpenbeck ist seit zwei Stunden
in der Stadt, hat du sie schon gesehen?"
"Ja, klar! Schon vier Mal!"
Dialog beim Prosanova-Literaturfestival

  Als ich noch in einer größeren Stadt wohnte, unterhielt ich mich mit einer Bekannten, und im Verlauf des Gespräches erzählte sie mir, daß sie in Hildesheim geboren und aufgewachsen sei. Wo das denn liege, fragte ich sie, zunächst tatsächlich aus Unkenntnis. Später machte ich mir einen Spaß daraus, ihr die gleiche und ähnliche Fragen, etwa, "wie es dort so sei", immer wieder zu stellen. Unter allgemeinem Gelächter erklärte sie, damals "viel im Wald" gewesen zu sein.

Ein anderer Bekannter gab mir, wohl, um mich zu ermutigen, noch zwei Dinge mit auf den Weg: Hildesheim hätte "das älteste Fachwerkhaus und den leckersten Fallafel Deutschlands". Wie ich später erfuhr, handelt es sich bei dem Fachwerkhaus nicht um das älteste, sondern um das angeblich schönste. Leider bin ich kein Freund dieses Baustils; und in bis heute derartig erhaltenen Gassen empfinde ich eher Beklemmung, als Mitgefühl für die liebevolle Pflege von Baudenkmälern düsterer Zeitalter. Was den Fallafel betrifft, so weiß ich heute, daß dieser zwar ganz gut schmeckt, ich aber durchaus auch anderswo schon Fallafel dieser Qualität gegessen habe. Wenn sich Bekannte heute nach meinen Umständen erkundigen, ähnelt die Art der Befragung meiner damaligen: "Wie ist es denn - dort ?", oder: "Du bist doch jetzt auch in - Peine, oder?" Mein Großvater hatte immerhin den ersten Teil des Namens behalten und wollte wissen, wie ich in "Hildburghausen" angekommen sei.

"Hildesheim", sage ich dann, und verzichte bewußt auf den Lobgesang über Nachtleben, kulturelle Höhepunkte oder das bunte Szeneviertel, obwohl man unter gewissen Voraussetzungen manches aus dieser Aufzählung in die Stadt hineininterpretieren könnte, doch dazu später. Ich spreche von der landschaftlichen Umgebung und dem hohen Maß an Zeit, das man für Dinge hat, zu denen man anderswo möglicherweise nicht kommen würde. Mit anderen Worten, von einem gemütlichen Leben zwischen Büchern, Manuskripten und zuverlässig gelieferten Zeitungsschlagzeilen, wie: "Neue Sottrumer Wehrpumpe sieht wie ein Staubsauger aus", "Treffen nach 30 Jahren: Mehrkampf-Asse der Aschebahn frischten ihre Erinnerung auf" oder: "Leergut-Diebstahlserie aufgeklärt".

Als in meinem Zimmer schon die Möbel standen, belächelte ich noch einmal die Stadt, aus der sie kamen, während dort die Träume von Olympia 2012 jämmerlich platzten. Doch nicht nur dieses Ereignis ging durch die Presse, auch Hildesheim sollte in jenen Tagen bundesweite mediale Anerkennung erhalten. In einer Berufsschule war ein Jugendlicher von Mitschülern über mehrere Monate grausam mißhandelt worden, die Peiniger hatten ihre eigenen Taten  mitgeschnitten und die Videos im Internet zum Verkauf angeboten. Dieser Vorfall passte ins Klischee von einer Stadt dieser Größenordnung. Eine Liste der Orte, die ihre einzige Berühmtheit durch Katastrophen oder besondere Grausamkeiten erhalten haben, wäre sicherlich lang.

Die Einwohner von Eschede, zwischen Celle und Uelzen gelegen und berühmt für das große ICE-Unglück, werden, wenn es denn einmal geschieht, vermutlich so befragt: "Aus Eschede kommen sie! Wo waren Sie, als es passierte? Was haben sie gesehen oder gehört?" Das Schlimmste, was einem passieren kann, wenn man schon dort wohnt, ist es wahrscheinlich, hinterher immer wieder gestehen zu müssen, daß man leider alles verpaßt habe, weil man sich zum Zeitpunkt gerade auf einer Reise befand. Will man sich nicht selbst ins Abseits befördern, muß man sich mit einer in diesem Fall legitimen Notlüge behelfen. Das verschafft sogar den Vorteil, sich  durch die eigene Unbefangenheit ein Szenario zurechtlegen zu können, das die Geschichten der anderen im Grad seines Schreckens noch übertrifft.

Als eine solche beliebige, öde Kleinstadt stellte ich mir Hildesheim vor, obwohl ich auch wußte, daß sie sich von Eschede in ihrer Größe unterscheidet. Doch auch die geographische Lage gibt ihr spezifische Eigenheiten. Der besondere niedersächsische Einschlag trennt sie zwar baustilistisch wiederum nicht von Eschede, man wähnt sich aber an manchen Ecken auch in einem kleineren Braunschweig oder Hannover. Das spricht nicht unbedingt für Attraktivität, macht aber doch den Unterschied Hildesheims etwa zu Neustrelitz, Donaueschingen oder Torgau aus.

  Noch heute ist der Bahnhof, der Ausgangspunkt meiner ersten Erkundung, auch mein Lieblingsplatz in der Stadt, vor allem, weil man sie von hier aus jederzeit verlassen kann. Ein weiterer Vorzug  ist seine Schlichtheit und Funktionalität. In der weitgehend undekorierten Halle des Nachkriegsbaus kann man heute noch in einer vergleichsweise entspannten Atmosphäre dem einen oder anderen Laster frönen, bevor der Zug abfährt oder eben auch nicht. Man denke im Gegensatz dazu nur kurz an den nervenraubenden Hauptbahnhof in Hannover, einer Stadt, die auch sonst über einen unerschöpflichen Vorrat an Dingen zu verfügen scheint, die aufzeigen, wie etwas besser nicht sein sollte.

Betrübt hat mich deshalb die Meldung, daß dieser mir doch schon ans Herz gewachsene Hildesheimer Bahnhof vollständig neu gestaltet werden soll. Nach dem Umbau wird er ein Einkaufszentrum beherbergen und wahrscheinlich alles andere auch, was man von derartig umgestalteten Bahnhöfen kennt; eine Bibliothek zumindest sicherlich nicht mehr. Aber meine Bedenken gelten weniger dem Ergebnis; eher gruselt mich die Vorstellung, in den nächsten Jahren, speziell in der kalten Jahreszeit, mit gefrierenden Händen einen Becher Kaffee umklammernd, auf dem Bahnhofsvorplatz neben einem Preßlufthammer zu stehen, während einem der Wind die Zigarettenasche ins Auge weht. 

"Erfrischend" auf eine ganz andere Art, wird in einer städtischen Broschüre Hildesheim als die "junge Großstadt mit alter Geschichte" beworben- eine kühnes  Versprechen, das, von dem Begriff "Großstadt" einmal abgesehen, am Hindenburgplatz eingehalten zu werden scheint. Der Platz und seine Umgebung, atmosphärisch von einer Postfiliale und stetig neueröffnenden und wieder schließenden  gastronomischen Einrichtungen geprägt, ist vorwiegend von jungen Leuten bevölkert, die am Brunnen herumsitzen, Skateboard fahren oder Bier trinken, scheinbar aber keinen Anstoß an der Geschichte seines Namens nehmen. Dabei hatte Hindenburg immerhin, im Januar 1933, einen gewissen Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, mit den bekannten Folgen. Allemal tröstlich war es, als es in der Gegend zu einer neuerlichen Bistroeröffnung kam, und im Zuge dessen die historische Ahnungslosigkeit- denn eine politische Absicht möchte ich hier nicht unterstellen- ihren optischen Höhepunkt erreichte: Über dem Laden war ein orangefarbenes Schild angebracht worden, auf dem man den markanten Namen "Hindenburg-Grill" lesen konnte.

  Ich möchte nun zu den angekündigten Bemerkungen zur Kultur kommen: Zunächst sei das umstrittene Mera-Luna Festival genannt, wobei vor allem darüber gestritten wird, ob es sich- ein kleiner Scherz für die Veranstalter- um das zweit- oder drittgrößte Wave-Gothic Festival Europas handelt. Fest steht, daß die lichtscheuen Liebhaber der schwarzen Garderobe am Austragungsort, dem Drispenstedter Flugplatz, drei Tage der erbarmungslosen Sonnenflut ausgesetzt werden, bis sie, um beträchtliche Geldsummen erleichtert, wieder abreisen. Ob sie von Kapellen wie "Trisomie 21", "Schandmaul" oder "Birthday Massacre" für ihren Sonnenstich entschädigt werden können, ist fraglich; ebenso, ob man für die "Sisters of Mercy" bei solchen Verhältnissen noch Dankbarkeit zeigen kann. Anlaß zur Vermutung, dies bejahen zu können, geben die ca. 20 000 Fanatiker, die es jährlich auf das gänzlich schattenlose Gelände zieht. Besucher aus der Region haben den unbestreitbaren Vorteil, sich vor  Ort begeben, ein paar Fotos schießen und wieder gehen zu können; was manche Hildesheimer als Ersatz für einen Zoobesuch betrachten, für den sie ansonsten nach Hannover fahren müßten.

Wer es noch etwas trashiger liebt, der sollte sich einen Abend im "Tanzhaus Alpenmax" nicht entgehen lassen. Die Musikpalette reicht vom aktuellen Hitparadenzeug über Pur-Endlosschleifen und Wolfgang Petri bis hin zum aktuellen Hitparadenzeug- aber darauf kommt es ohnehin nicht so sehr an. Die Gästezahlen richten sich eher nach den Getränkepreisen. Mittwochs, zur sogenannten "Dagobert-Party" werden die Flüssigkeiten zu Dumping-Preisen verhökert, entsprechend zahlreich kommen die Gäste, um das Angebot exzessiv zu nutzen. Einladend sind nicht nur die Toiletten, deren Boden und Wände von den Gästen mit einer Mischung aus Blut und Erbrochenem dekoriert werden, auch das Klientel selbst ist sympatisch: Frischgebackene Abiturienten stoßen mit den örtlich stationierten Bundeswehrsoldaten an, Bodyguards mit ihren Secutritykollegen. Am Ende gibt es dann eine Schlägerei zwischen den Abiturienten und Bundeswehrsoldaten ohne Abitur, während die Security einfach draufhaut, bis der erste Streifenwagen kommt. Ob das "Alpenmax" den Abzug der Bundeswehr im Jahr 2007 geschäftlich überleben wird, ist fraglich.
Weiterhin gibt es mehrere Kinos, mit deren Programm das "Alpenmax"-Publikum voll auf seine Kosten kommt. Kinobesucher, die sich für cineastische Perlen, wie: "7 Zwerge", "Die wilden Kerle" oder "Babynator", nicht so recht begeistern wollen, können in Hildesheim eine Menge Geld sparen. Läuft mal ein Film mit einem etwas höheren Anspruch, hat man ihn meistens schon Wochen vorher in einer anderen Stadt gesehen. Vielleicht liegt es daran, daß der Saal dann so gut wie leer ist; oder eben doch am Anspruch des örtlichen Publikums. Überhaupt nicht überrascht war ich aus eben diesem Grund auch, welche Art von Veranstaltung, jenseits von Alpenmax& Co, es vermag, in Hildesheim den Saal zu füllen: Etwa achthundert Zuhörer strömten ins Roemer- und Pelizaeus-Museum, um dem reaktionären Gefasel Peter Hahnes  zum Thema "Schluß mit lustig - das Ende der Spaßgesellschaft" beizuwohnen.

  Bleibt mir, um auf die nähere Erläuterung weiterer Ärgernisse, beispielsweise der ständigen Belästigung durch unüberschaubar große Sportgruppen, die in den Grünanlagen die Wege blockieren, zu verzichten, eine der lobenden Erwähnung bedürftige Einrichtung vorzustellen: den Waschsalon. Die besondere Betonung gründet nicht etwa darin, daß es sich um einen besonders angesagtes Objekt handelt, sie drückt vielmehr aus, daß es in Hildesheim nur diesen einen Waschsalon gibt. Er faßt eine große Anzahl der einschlägigen Automaten, wird aber auch rege genutzt; was angesichts seiner Einzigartigkeit wenig verwundert. Zudem sind im Schnitt ca. zwei Drittel aller Geräte vorübergehend defekt, worauf aber, jeweils durch einen kleinen Zettel an der Waschmaschinentür, hingewiesen wird.

Hat man sich einmal von dieser innerstädtischen Räumlichkeit unabhängig gemacht, wird man ihre Vorzüge genießen können, die von der Einrichtung (auch hier der funktionale Stil, wenngleich doch so manches nicht funktioniert), über die Raumtemperatur (vor allem im Winter interessant), bis eben zur sozialen Komponente reichen. Mag sein, daß der eine oder die andere noch in vielen Jahren wehmütig des Momentes gedenken werden, da man einer wildfremden Person das erste Mal erschrocken in die Augen sah, weil gerade der ohrenbetäubende Lärm einer Wäscheschleuder losbrach.

Ist man auf den Waschsalon angewiesen, können einem diese Freuden schnell verleidet werden. Als ich noch dort wusch, hatte ich einmal die Maschine mit Stoffwindeln, nebst übelriechendem Inhalt, vollgestopft, nicht ohne mich vorher vergewissert zu haben, daß sich keines der so vertrauten "Defekt"-Zettelchen auf ihrer Tür befand. Wie ich erst bemerkte, als ich den Waschvorgang starten wollte, war leider ebensowenig eine Tür vorhanden- was wiederum das Fehlen des Zettels erklärte. Ich mußte also, um mich heute milder auszudrücken, als ich damals empfand, "alles noch einmal umschichten".

Kurzum, der Ort ist besuchenswert, und da er nicht weit vom Bahnhof entfernt ist, auch für Auswärtige attraktiv, die nur mal schnell in den Waschsalon wollen, ohne sich dabei noch lästige "Stadt" zu Gemüte führen zu müssen: Einfach die Bahnhofstraße immer geradeaus, über die Ampelkreuzung, dann nur noch 50 Meter und auf der rechten Straßenseite sieht man ihn schon. Danach schnell den selben Weg zurück, durch die Bahnhofshalle, Treppe hoch, in den Zug, Zigarette an, fertig. 

Gregor Mothes